Hubert, Linda, Ewa, Kevin und der Nachtfalter konnten die Jury des Vorarlberger Literaturpreises 2021 dazu bewegen, mir den Preis zuzusprechen. Dafür bin ich den Darstellern meiner Textprobe sehr dankbar. Unlängst wurde ich gefragt, ob meine Einreichung ein in sich abgeschlossener Text sei. Keineswegs. Am Puls der Zeit ist eine Romanidee. Mein Protagonist Hubert würde sagen: „Noch ist nicht aller Tage Abend“, und Ewa, seine 24-Stunden-Hilfe, wäre zutiefst enttäuscht, wenn das schon alles wäre.


Am Puls der Zeit

Ich werde vor ein Auto laufen. Die Menschen werden sich um mich scharen und mit weit aufgerissenen Augen auf meine blutenden Wunden starren. Wenn mein linker Arm gut zu liegen kommt, werden sie den Säbelzahntiger auf meinem Unterarm sehen. Die Welt wird still stehen und endlich wird jemand es aussprechen: „Das Mädchen braucht Hilfe!“ 

Es gibt zwei Menschen, die mich von der Sache mit dem Auto abhalten. Kevin und Hubert. Kevin wohnt um die Ecke, ist voll intelligent und Hubert wohnt im Erdgeschoss und ist voll dement. Zweiundvierzig Jahre war Hubert Bademeister im städtischen Bad. Kevin kenne ich, seit ich ihn am Schulweg mitnehmen musste. Ich erinnere mich an den gelben Flaum auf seinem Kopf. Haare konnte man das nicht nennen. Auf jeden Fall war Kevin mein Handgepäck, weil das eben so war, mit seiner alleinerziehenden Mutter und seinem gefährlichen Schulweg. Kevin war mein Klotz am Bein. Bis er neun war, gingen wir stumm nebeneinander her. Kopfnicken zur Begrüßung. Kopfnicken zum Abschied. Erst, als meine Eltern sich trennten, habe ich begonnen ihn zu mögen. Er war der Einzige, der wusste, was bei mir zu Hause los war. Kevin kennt mich. Hubert jedoch kennt meine Geheimnisse. Bei ihm sind sie sicher, denke ich und bekomme einen Lachanfall.

*****

Kevin und ich sehen uns täglich. Hubert sehe ich Montag, Mittwoch und Freitag in seiner gewohnten Umgebung, während seine 24-Stunden-Hilfe Luft schnappt. Gäbe es eine Leistungsbeurteilung für Demente, wäre Hubert Klassenbester. Er hat vergessen, wie man Besteck benutzt und dass man Essen isst, wenn es einem vor die Nase gestellt wird. Letzten Mittwoch habe ich ihm seine Haarbürste in die Hand gedrückt. 

„Mach mal selber, Hubert“, habe ich gesagt. Und er? 

Er wollte die Bürste dem Mann im Badezimmerspiegel geben. Das mit den Spiegeln, darüber sollte man mal nachdenken. Wenn wir es schon so genau nehmen, mit der Gestaltung seiner Umgebung, dann weg mit den Spiegeln. Kein Mensch braucht fünf Spiegel in einer     60 m² Wohnung. Letzten Freitag ist er über sein Spiegelbild erschrocken und die Woche zuvor hat er mit sich selbst zu streiten begonnen. Er wollte den Mann im Spiegel aus der Wohnung werfen. Ich kann das verstehen. Das mit dem Spiegel ist mir auch oft zu viel. 

*****

Zwei Jahre ist es her, dass mich seine Tochter abgepasst hat, unten bei den Briefkästen. Die ganze Zeit über musste ich an diese Nachtfalter mit den hauchdünnen Flügeln denken, so zerbrechlich hatte sie ausgesehen. Ohne Betreuung sei ihr Vater völlig aufgeschmissen, hatte sie mir erklärt. Da haben wir etwas gemeinsam, denke ich und stecke den Schlüssel ins Schloss.

Da sitzt er. Die Stimme des Radiosprechers steht zwischen uns. Ich ziehe den Stecker. Aus. Stille. Jetzt hat er mich entdeckt. Ich reiche ihm die Hand. Meine heiß. Seine kalt. Die Spiele sind eröffnet. Jedes Mal frage ich mich, ob er das Mädchen mit den langen, brünetten Haaren, erkennt. Er nennt mich du. Ich glaube nicht, dass er mich als fremd einstuft, sonst müsste er die Polizei rufen, wenn ich plötzlich in seiner Küche stehe. Mit der Polizei kommt er mir nur, wenn er seine Sparbücher sucht. 

„Ist mein neues Hobby, mit Hubert Sparbücher suchen“, sage ich zu seiner Tochter am Telefon. 

Die 24-Stunden-Hilfe geht, ohne Gruß, schnell raus. Ich setze mich ihm gegenüber und überlege, ob zwölf Euro in der Stunde leicht oder schwer verdientes Geld sind. Wir spielen Memory, während seine Augen zufallen. Ich übernehme seinen Part, spiele gegen mich und sehe zu, wie er gewinnt. 

„Hunger, Hubert?“, frage ich, entferne die Rinde vom Weißbrot und streiche Leberstreichwurst darauf. Das mit der Streichwurst kostet mich richtig Überwindung. Ich schneide das Brot und stecke ihm Stück für Stück in den Mund. Er kaut. Das ist die halbe Miete. 

„Und runterspülen“, sage ich und halte ein Glas Johannisbeersaft an seine aufgesprungenen Lippen. 

Er nimmt einen winzigen Schluck und spuckt den Saft zurück ins Glas: „Willst du mich vergiften?“ 

„Ja, genau“, sage ich. Immer, wenn ich seiner Vergiftungstheorie zustimme, rücken seine Augenbrauen eng aneinander. Ich verwerfe den Gedanken mit der geblumten Serviette gegen seinen Mund zu tupfen. Jede Veränderung kann Ärger bringen.

Ist Hubert mit nichts aufzumuntern, ziehe ich drei Brockhausbücher aus dem Regal, staple sie übereinander, steige hinauf, hole tief Luft, halte mir die Nase zu und springe vom Beckenrand. Ich schwimme durchs Wohnzimmer. Brustschwimmen. Rückenschwimmen. Kraulen. Delphin. Das ganze Repertoire. Hubert lächelt mich mitleidig an. Lässt ihn der dritte Sprung vom Beckenrand unbeeindruckt, suche ich auf Youtube nach Filmmaterial über Freibäder. Hilft alles nichts, ziehen wir uns Rudi Carrell rein. Wann wird’s mal wieder richtig Sommer. 1975. Rudi sitzt in der Mitte eines runden Schwimmbeckens. Acht Frauen in roten Badeanzügen schwimmen um den Rudi. Exakt da liegt meine Schmerzgrenze.   

„Jetzt bin ich dran“, sage ich und gebe Julian Bam, Poolsong ein.

*****

Die Zeit vergeht so langsam, dass ich mich frage, wer zuerst stirbt. Ich stecke das Radio an. Ein Sprecher berichtet vom Klimawandel. Die Medien sind schuld, dass ich meinen Plan bisher nicht durchgezogen habe. Der Gedanke, Kevin im Stich zu lassen, so richtig, in Echtzeit, stresst mich. Wer soll ihm sagen, dass er etwas Warmes essen soll oder dass man einen PC ausschalten kann. Zudem schläft er kaum. Nächtelang hängt er im Netz, wie ein Fisch, recherchiert und liest den ganzen Müll. Die Tatsache, dass wir die Erde, das Klima, die Eisbären platt machen, und alle, die etwas zu sagen haben, egoistische Idioten sind, macht ihn fertig. 

„Nicht gut für die Stimmung“, sage ich, wenn er sich zu tief reinlehnt. 

„Linda, du hast keine Ahnung“, murmelt er.

Die 24-Stunden-Hilfe nutzt ihre Pause auf die Millisekunde. Hubert sitzt auf der Eckbank. Er atmet schnell. Schneller als sonst. Sein Gesicht ist grau. Ich öffne die Bestecklade, checke das Fensterbrett, taste in der Keksdose ins Leere. Offenbar hat Ewa die Zigaretten versteckt. „24-Stunden-Plage“, denke ich und lege meine Hand auf Huberts Brust. Fragend schaut er mich an. Ich blicke auf das rechteckige Kästchen unter seiner Haut, zerlege das Wort Herzschrittmacher, greife nach dem Rahmen mit seinem Hochzeitsfoto und tippe mit meinem Zeigefinger der Braut ins Gesicht. Hubert zeigt kein Interesse. Nichts zu holen heute. 

Am späten Nachmittag kommt eine SMS von Ewa: Hubert Spittal. Ewa. Verdammt. Ich denke, dass man Spital mit einem t schreibt und wie gleichgültig Rechtschreibung sein kann und dass Hubert sich im Spital nicht zurechtfindet, weder mit Doppel-t noch mit einem. Schlecht. Ganz schlecht. 

Ich rufe Kevin an: „Hubert ist im Krankenhaus. Kannst du mitkommen?“ 

„Sorry, aber da bin ich der Falsche. In Krankenhäusern wird mir übel“, höre ich ihn sagen. 

*****

Ich erkläre der Nachtschwester, dass Hubert ohne sein Wohnzimmer nicht funktioniert. Sie verweist auf den Diensthabenden und fragt, wer ich bin. Gute Frage, denke ich, lese den Namen auf ihrem Namensschild und habe ihn im selben Augenblick vergessen. Ich verdränge das Bild, wie ich sterbend auf der Straße liege und während die Krankenschwester Fachausdrücke wie Steine in meine Welt wirft, fühle ich, wie Tränen über meine heißen Wangen rinnen. Man sagt mir, ich soll mich setzen. 

„Ich bin die Bezugsperson von Herrn Stadelmann“, sage ich, „seine Tochter ist verreist und seine Pflegerin spricht wenig deutsch.“ 

Ich gebe meine Handynummer an, nehme ein Taschentuch entgegen und warte. Ich spüre den Impuls meine Handflächen auf mein Herz zu legen, aber das traue ich mich nicht. Ich male mir aus, wie der Diensthabende reagiert, wenn ich ihm sage, dass ich vor ein Auto laufe, wenn er Hubert sterben lässt. Im nächsten Moment fühle ich eine Hand auf meiner Schulter. 

„Sorry, hab Stuss geredet, tut mir krass leid.“ 

Erleichtert lege ich den Kopf an Kevins Bauch.  

Der Diensthabende ist ein Kind, zumindest sieht er so aus. Hubert würde nie sein Leben diesem Kind anvertrauen. Ich wische meine Tränen ab und richte mich auf. Jetzt sind wir gleich groß, wobei der Diensthabende die deutlich besseren Karten hat. Er muss nicht weinen. Ich fühle mich klein, sogar Kevin ist größer. Wie angeklebt liegt Kevins Hand auf meiner Schulter. 

Da liegt er. Sanftes Licht fällt auf die Bettdecke. Sein Gesicht, irgendwo in der Dunkelheit – wie sein gelebtes Leben. Kevin sagt, er warte draußen. Ich nicke, hebe lautlos einen Stuhl ans Bett und setze mich. 

„Ich bin es“, sage ich und greife nach seiner Hand. Meine kalt. Seine heiß. Etwas stimmt nicht. Jemand legt einen Fels auf meine Brust. Immer, wenn etwas nicht stimmt, sehnt man sich nach Alltäglichem. Ich taste nach dem Puls an seinem Handgelenk. Sein Puls geht schnell, zu schnell. Tachykardie nennt man das, habe ich gelesen. Kevins Leier kommt mir in den Sinn. 

„Wir sind zu schnell, zu hohe Frequenz“, sagt er, „wie 5G, viel zu schnell, wir alle.“ 

Vielleicht sind wir wirklich zu schnell, denke ich. Tachykardie, klingt schön. Generell klingen Diagnosen schön. Diabetes zum Beispiel könnte ein Stadtteil oder Tonsillitis könnte eine Pflanze sein, eher eine seltene, als eine gewöhnliche. Sogar Influenza klingt zauberhaft. Hätte man mich als Kind gefragt, ob ich Influenza möchte, hätte ich viel davon gewollt. Selbst Myokarditis klingt nicht übel. Kennt man jedoch die Bedeutung, will man nichts davon. So oder so sind Diagnosen nicht von Vorteil. Ist wie mit den Hurrikanen, die will auch keiner, obwohl sie schöne Namen haben. 

Acht Tage lang hat Hubert auf der Internen herum gelegen, bis die Ärzte sich einig waren, dass er in häuslicher Betreuung besser aufgehoben ist. Hat ihm nicht gut getan, der Ausflug ins Krankenhaus. Sagt ja schon der Name, dass dort nichts besser wird. 

Wer Augen im Kopf hat, sieht, dass er stirbt. Jeden Tag wird er weniger. Nur mehr Haut und Knochen. Zudem scheint eine höhere Instanz die Löschtaste in seinem Kopf zu bedienen. 

Worte weg. 

Fertigkeiten weg. 

Erinnerungen weg. 

Er macht auf Rückzug. Vielleicht verstehen wir uns deshalb so gut. Wir haben mehrere Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel halten wir uns nicht an Vorgaben. Wir stochern auch nicht in der Vergangenheit und wir machen keine Pläne. 

*****

Dank der Nachmittage bei Hubert ist meine Woche gut strukturiert. Gegenüber meinen Klassenkameraden bin ich da klar im Vorteil. Ich brauche nicht zu überlegen, was ich mit meiner Zeit anfange. 

„Man braucht eine Aufgabe, nicht wahr, Hubert“, sage ich und zupfe an seinem Hemdkragen. 

„Weg da“, zischt er.

Anfangs hatte ich keine Ahnung, worauf ich mich da einlasse. Mittlerweile checke ich ein, schaue, wo der Schuh drückt und finde Lösungen. Definitiv effektivere Lösungen, als die anderen. Eigentlich ist es simpel. Entweder, man taucht in seine Welt oder man lässt es bleiben. Gegen ihn zu arbeiten macht keinen Sinn, ihm etwas aufzuzwingen erst recht nicht. Ist wie beim Surfen, man geht mit der Welle. 

Wenn ich da an Ewa denke, wie sie den Kopf schüttelt, dass er ihr beinahe vom Hals fällt: „macht was will, macht was will.“

Logisch, macht was will“, sage ich, „ich mache auch, was will. Wir alle sollten macht was will machen.“

*****

Mittwochs gibt es seltener Zwischenfälle. Vielleicht liegt es daran, dass Hubert jahrelang mittwochs seinen freien Tag hatte. Wir sitzen in der Puppenküche. Puppenküche deswegen, weil ich von der Eckbank aus mit meiner Großzehe den Einschaltknopf des Geschirrspülers bedienen kann. Wir schälen Gurken. Genauer gesagt, ich schäle Gurken. Hubert macht keine Hausarbeit. Hat er nie gemacht, hat alles Rosalie gemacht. Ewas Freundin Wanda hat einen Berg Gurken geerntet, die Ewa einwecken will. 

„Kommt Knoblauch, Karotte, Salz, Pfeffer, Lorbeerblatt, Wacholderbeeren, Senf und Essig“, erklärt sie. 

Hubert sitzt neben mir und blättert in der Tageszeitung. Der Geschirrspüler gurgelt. Es riecht nach Salbei, den Ewa in großen Büscheln mit roten Schleifen aufgehängt hat. 

„So viel?“, frage ich.

„Muss“, sagt sie mit strengem Blick. 

Meiner Meinung nach könnte man sich das Jahresabo für die Tageszeitung sparen. An der gestrigen Zeitung vom Nachbarn wäre alles dran, was Hubert braucht, zudem wäre es nachhaltig, aber ich mische mich da nicht ein. Das Entscheidende an der Tageszeitung ist, dass Huberts Gesichtszüge weich werden, wenn er darin blättert. Alle paar Minuten schaut er hoch, rückt seine Lesebrille zurecht und horcht.

„Erwartest du jemanden?“, frage ich.

„Meine Frau“, sagt er und deutet zur Wohnungstür.

„Wo ist sie denn?“

„Einkaufen, müsste jeden Moment da sein.“ 

Dass Rosalie vor sieben Jahren verstorben ist, sage ich ihm nicht. Nichts liegt mir ferner. Auf mich wirkt er, als wäre seine Welt in Ordnung. Hausarbeit, die nicht er macht. Das Rascheln der Zeitung. Das Gurgeln des Geschirrspülers. Das Warten auf Rosalie.  

Laut Huberts Tochter waren ihre Eltern ein glückliches Paar. Jetzt, da Hubert seine Frau nicht mehr erkennt, lässt sich das schlecht prüfen. Im Grunde hat das mit dem Vergessen Vorteile. Nehmen wir an, so ein Rosenkrieg, wie ihn meine Mutter erlebt hat oder nehmen wir an, der Tag mit dem Auto wäre kommenden Frühling. Dann hätte meine Mutter im Alter von 42 eine Scheißscheidung hinter sich und die einzige Tochter durch Selbstmord verloren. Könnte sie diese ganze Tortur vergessen, das wäre Wellness pur, nicht wahr. 

Bestimmt ist es nicht leicht für Ewa, so weit weg von zuhause und Tag und Nacht mit Hubert, kein Honigschlecken. Trotzdem entscheide ich mich für eine klare Ansage:

„Wenn du ihm noch einmal sagst, dass sie tot ist, erzähle ich seiner Tochter, dass du ihn Punkt Zwölf zum Essen zwingst und ihm die Schlaftablette um Sechs statt um Acht gibst.“ 

„Aber muss wissen“, sagt Ewa.  

„Muss gar nichts wissen“, sage ich, „lass ihn in Frieden.“ 

Und während ich das Wohnzimmer mit großen Schritten verlasse, fällt mir ein, wie ich sie unter Druck setzen kann. 

Entschieden gehe ich zurück: „Sonst kannst du deinen Bonustag vergessen.“

Ewas Augen werden groß. 

„Es reicht, wenn man einmal im Leben vom Tod seiner Frau erfährt. Das muss bei Gott nicht täglich sein.“

„Bonustag?“ Ewa schaut wie ein Lamm. 

„Kein Bonustag“, zische ich. 

Jeden zweiten Mittwoch ist Bonustag. Am Bonustag betreue ich Hubert von 14 bis 17 Uhr, während Ewa ihre Freundinnen Wanda und Aleksandra trifft. 

Kaffee trinken. 

Kuchen essen. 

Handarbeiten. 

Haare färben. 

Nägel malen. 

Internetgeschäfte. 

Jedes Mal, wenn sie zurückkommt, denke ich, so viel Farbe auf so wenig Gesicht, dabei bräuchte sie den ganzen Zauber gar nicht.  

„Die Internetgeschäfte laufen?“, frage ich. 

Ewa nickt. 

„Die Menschen kaufen von Hand bestickte T-Shirts?“

„Viele, viele“, antwortet sie und zieht ihre Mundwinkel bis zu den goldenen Kreolen an ihren Ohren. 

Ich übe Kopfschütteln und nutze Ewas gute Laune für ein bisschen Konversation. 

„Und dein Freund? Wie war sein Name?“

„Marek“, sagt sie, „Marek Dabwroski.“

„Was macht ihr, wenn ihr euch trefft?“

„Spazieren, tanzen, kleine Reise, Sex nicht“, sagt sie. 

Ich versinke im Boden. 

„Bin ledig, weil vegetarisch“, sagt Ewa.  

„Das ist doch Blödsinn, Ewa. Ich kenne niemanden, der so wunderbar Zurek und Nalesniki kocht und so akkurat Ordnung hält, wie du. Du bist der Superfang.“ Jetzt hat Ewa glasige Augen.

„Ewa, was hast du gelernt?“

„Erste-Hilfe-Kurs.“

„Und sonst?“

„Nix.“

„Nichts?“

„Näherin, aber Firma kaputt.“

Ewa positioniert sich breitbeinig, zeigt mir ihre Handflächen und sagt: „Hände, Gehirn und gesundkern.“ 

Ich lache laut, gehe auf sie zu und nehme sie in meine Arme: „Kerngesund, Ewa, das heißt kerngesund.“ 

Ewa wird fünf Zentimeter kleiner und weint.  

*****

„Ich stelle Fragen und bekomme keine Antworten“, sage ich, als Kevin wissen will, was ich die ganze Zeit über mit Hubert treibe. Kevin will ein Beispiel.

„Na, ich frage, was in der Zeitung steht.“

„Und weiter?“

„Nichts weiter. Er hat noch nie geantwortet.“

„Ich bekomme auch nie Antworten auf meine Fragen“, murmelt Kevin.

„Es geht ja gar nicht um die Antworten“, erkläre ich, „Menschen stellen Fragen, der Stimmung wegen.“

„Menschen stellen Fragen, weil sie die Klappe nicht halten können“, kontert Kevin, „und weil sie nicht zuhören können. Kann ich dir an einer Hand aufzählen, die, die zuhören können, an einer Hand.“

„Still sind wir erst, wenn wir tot sind“, sage ich zu Hubert und lege ihm den Gurkenschäler in die rechte Hand. 

Er dreht und wendet ihn, legt ihn wie ein rohes Ei auf den Tisch und breitet behutsam die Zeitung darüber, als würde er ein Kind schlafen legen. 

„Was soll das denn“, schimpfe ich und komme mir vor wie Ewa. 

Könnte er mir erklären, was das soll, wäre ich zuhause, Ewa bei Familie XY und der Nachtfalter könnte seine Flügel ausbreiten. Vorgestern hatte sie geweint. Man hatte ihr angesehen, wie elend ihr zumute gewesen war. Ich hatte mitbekommen, wie sie zu Hubert gesagt hatte, sie meine, alles im Griff zu haben, aber es fühle sich verdammt noch mal nicht so an. 

„Sag doch auch mal was“, hatte sie Hubert angeschrien, aber der war gerade damit beschäftigt gewesen, einzelne Trauben in ein Teeglas zu werfen. 

Sie war in die Küche gelaufen, Schultern bis zum Boden und tausend Tränen. Ich wollte zum Kühlschrank, machte auf der Schwelle kehrt, aber irgendwie war ich schon mittendrin im Schlamassel. So, wie sie drauf war, konnte ich sie nicht allein lassen. Gemeinsam haben wir Löcher in den PVC-Boden gestarrt. 

Irgendwann habe ich meine Hand auf ihre Flügel gelegt und ihr ein: „Ach, Linda, alles Scheiße“, entlockt.

*****

„Hast du einen Clown gefrühstückt?“, frage ich, als Hubert das Fenster öffnet und eine geschälte Banane aufs Fensterbrett legt. 

„Wo ist der Chef?“, lautet seine Gegenfrage. 

„Keine Ahnung, wo der Chef ist“, sage ich, „der kann es sich leisten, sich in Luft aufzulösen. Chef sollte man sein.“ 

Ich nehme einen Apfel, öffne das Fenster und lege ihn neben die Banane. Apropos Fenster. Eine Sechsundneunzigjährige hat sich aus dem Fenster gestürzt, im Haus gegenüber. Tatsache, aus dem 3. Stock, vor drei Wochen. Leider war ich in der Schule. Aus die Maus. Ende der Vorstellung. Niemand weiß, wie sie das gemacht hat. 

Ewa hat mir ihr Handy unter die Nase gehalten, Google Translate: Einsamkeit, und herum geschrien: „Menschen schlecht, arme Frau, arme Frau, Menschen schlecht.“ 

Hubert hat nur geschaut. Ich habe mich so nah zu ihm gesetzt, dass er meinen Oberschenkel spüren konnte. Alles hat ein Ende, habe ich gedacht und meine warme Handfläche über meinen Säbelzahntiger gelegt. 

Manchmal schaue ich in Klein-Polen vorbei. So nenne ich Ewas Zimmer. Ihre Welt ist leicht zu durchschauen. Nach dem Fenstersturz waren fünf neue Vokabeln an ihrer Pinnwand: Isolation. 

Rote Beete. 

Kerze. 

Katastrophe. 

Seele. 

Überhaupt war Ewa nach dem Fenstersturz zwei Wochen in der Wohnung geblieben, hatte keine Messe gehört, keinen Kuchen gebacken und sich nicht geschminkt. 

*****

„Er braucht eine Jacke“, sage ich. Ewa verzieht keine Miene. Sie plagt sich mit dem WLAN. Vielleicht wäre Hubert in einem Pflegeheim besser aufgehoben. Er wäre mehreren Betreuern ausgeliefert und der eine Betreuer würde dem anderen auf die Finger schauen und bestimmt gäbe es zwei, drei Pflegerinnen, die mit Hubert am Balkon rauchen würden. Hier gibt es nicht mal einen Balkon. Von einer stationären Einrichtung will der Nachtfalter nichts wissen. Wir halten an Plan A fest. Plan A bedeutet: Existenzsicherung für Ewa und ihre Eltern, Taschengeld für mich, frieren in häuslicher Umgebung für Hubert. 

„Er braucht eine Jacke“, wiederhole ich.  

Ich stehe vor dem Kleiderschrank, öffne blitzschnell beide Schranktüren zeitgleich, als wollte ich jemanden überraschen. Die theatralische Inszenierung banaler Handlungen hält mich bei Laune. Stapelweise grau und grün. Ich zähle neun Strickjacken, hebe den Stapel hoch und greife nach der untersten. Gerechtigkeit muss sein. Ich helfe Hubert in die Jacke, die dem Bademeister vor zwanzig Jahre gepasst hat. 

„Zuknöpfen“, sage ich, positioniere mich vor ihm und zähle: „Eins, zwei“, die Holzknöpfe gleiten durch meine Finger in die ausgeleierten Knopflöcher, „drei, vier.“ 

Zählen ist unsere Leidenschaft. Zählen macht Sinn. Wir zählen Schritte, Erbsen, Münzen. 

„Und fünf“, sage ich. 

„Und fünf, genau“, wiederholt Hubert. 

„Wenn deine Tochter anruft, sage ich, ich habe dich in der Jacke verloren.“

Hubert zieht die Augenbrauen hoch. 

Ich stülpe die Ärmel zurück: „Zwei, drei.“ 

„Vier, fünf“, sagt er. 

Mit Strickjacke ist er ein anderer. Nur ich ziehe solche Rückschlüsse. Ich finde, Ewa und der Nachtfalter machen einen entscheidenden Fehler. Sie schließen von sich auf Hubert, dabei ist jeder Mensch ein Universum.

„Beobachten ist der Schlüssel“, sage ich zu Ewa und zeige mit meinem Zeige- und Mittelfinger auf meine Augen und dann auf Hubert, „ist dir aufgefallen, dass er mit Jacke länger sitzen bleibt, mehr isst und freundlicher antwortet?“, frage ich. 

Ewa nickt und versteht Bahnhof. Ich murmle vor mich hin, dass ich mir das alles nur einbilde. 

„Die Jacke ist so alt wie du“, sage ich. 

Hubert hat keine Ahnung, wie alt er ist. Vorhin hatte er behauptet seine Mutter sei 75. 

„Willst du nicht nachrechnen, Hubert? Du bist 86 und deine Mutter 75?“ 

Er bleibt dabei. Daran ändert sich auch nichts, als wir am Familiengrab stehen und ich ihm Namen und Todestag seiner Mutter vorlese. Seine Mutter lebt. Davon geht er nicht ab. Stur wie Ewa.

Ewa wirft Tomaten in einen Topf und packt den Kopfsalat, als wolle sie ihm etwas antun. 

„Heute Pomidorowa“, sagt sie. 

Das mit der Ernährung ist eine eigene Baustelle. Hubert liebt Fleisch. Ewa rührt Fleisch nicht an. 

„Bei uns daheim gibt es auch kein Fleisch. Seit mein Vater ausgezogen ist, gibt es Rohkost und Schokolade“, sage ich zu Huberts Tochter. 

„Ewa kann kein Fleisch kochen“, behauptet der Nachtfalter. 

„Ewa sagt, wer Fleisch kocht, ist Verbrecher“, zitiere ich Ewa.

„Für meinen Vater ist Gemüse kein Essen.“ 

Ich frage mich, wo diese Unterhaltung hinführen soll. 

„Und wie reagiert er, wenn es kein Fleisch gibt?“

„Er sagt, wir sollen den Fraß selber fressen.“

„Das sagt er?“

„Das sagt er.“

„Und wovon ernährt er sich?“

„Na, von Streichwurstbrot.“

„Aber davon kann man doch nicht leben.“

„Hubert schon“, sage ich und deute mit dem Kinn auf den schlafenden Hubert.

*****

„Die Kiste mit den Schwimmflügeln, ich kann sie nicht finden“, erkläre ich Huberts Tochter am Telefon. 

„Schwimmflügel? Im Keller glaube ich.“ 

„Warum im Keller? 

„Wofür braucht ihr sie denn?“ 

Ich bedanke mich und lege auf.

„Wie viele?“ fragt Hubert, als er die Kiste sieht. 

„Elf“, sage ich, hole einen nassen Lumpen und wische über das graue Plastik. 

Hubert stellt sich neben mich, vergräbt die Hände in den Hosentaschen und atmet tief aus, als ich die Kiste öffne. Original BEMA Schwimmflügel, orangefarben, in allen Größen. Hubert knöpft seine Strickjacke auf und wirft sie in einer Lässigkeit über den Lehnstuhl, wie ein Zwanzigjähriger. 

Er reibt die Handflächen aneinander: „Wie viele?“ 

„Elf“, wiederhole ich, „sieben Mädchen, vier Buben.“

„Alter?“

„Vier bis sechs.“

„Unter 30 kg?“

„Alle unter 30 kg.“

Hubert nickt: „Größe 0 für alle.“ 

„Soll ich helfen?“, frage ich.

Er schaut mich entrüstet an.

Jetzt ist Hubert Bademeister. Ein leiser Wind säuselt durchs Wohnzimmer. Kindergeschrei. Es riecht nach Chlor und Sonnencreme. Hubert sortiert Schwimmflügel nach Größen, überprüft ihre Funktionalität, pumpt sie auf und grinst, als hätte er in der Lotterie gewonnen. Ich bringe ihm seine weiße Schildkappe.

„Wegen der Sonne“, sage ich. 

Hubert bedankt sich und gibt mir ein Handzeichen, ich soll verschwinden. Ich bin im Weg. Seine Arbeit ist eine ernst zu nehmende Angelegenheit. Die Sicherheit der Badegäste ist entscheidend, besonders die der kleinen Gäste, hat er mir hundertmal erklärt. 

„Bei mir ist nie ein Kind ertrunken“, sagt er, „einmal war es knapp, aber ertrunken ist keines.“ 

Das Entscheidende an BEMA Schwimmflügeln ist der ergonomisch geformte Steg zwischen den aufblasbaren Kammern an der Unterseite. Dadurch ergibt sich die Bewegungsfreiheit für die Schwimmschüler. Kann ich auswendig. Sollte ich Mathe nicht schaffen, geben die mir bestimmt eine Anstellung in der Schwimmflügelbranche.  

Eine Stunde später sitzt Hubert erschöpft im Lehnstuhl. Elf Paar Schwimmflügel stehen am Rand des Teppichs Spalier. 

„Gute Arbeit“, sage ich. 

Hubert nickt selbstzufrieden. Ich gebe ihm einen der Schwimmflügel. Er drückt gegen die Oberfläche, prüft die Ventilverschlüsse und legt den Schwimmflügel in seinen Schoß. 

„Gute Erfindung“, sage ich und deute auf seinen Schoß. 

Das ist Huberts Stichwort, um mir die ganze Geschichte zu erzählen. Die ganze Geschichte von Bernhard Markwitz, der ausgebildeter Rettungsschwimmer gewesen war und der, nachdem seine Tochter im Alter von drei Jahren beinahe ertrunken wäre, Schwimmhilfen für die Arme erfand. Schwimmhilfen, die die ganze Welt eroberten.

„Woher kam denn dieser Markwitz?“

„Hamburg“, sagt Hubert, „gutes, altes Hamburg.“

„Warst du mal in Hamburg?“ 

„Ja, auf der Jahreshauptversammlung.“ 

„Ach, Hubert, du und deine Geschichten.“

*****

In den ersten Wochen habe ich mit Hubert stundenlang in Fotoalben geblättert. Heute würde ich das nie mehr machen. Da können wir ja gleich ein Familientreffen organisieren und ihn zwischen zwanzig Menschen setzen, bis er abdreht. Was soll das bringen? Schon damals hat er niemanden erkannt und jedes Mal war eine Anspannung in der Luft, als wollten die grinsenden Gesichter erkannt werden.

„Irgendwo sind sie, die Namen“, habe ich zu ihm gesagt. 

Warum sollte er die Menschen plötzlich erkennen, wo sie doch in seinem Hirn verloren gegangen waren. Totaler Mist. Heute weigere ich mich, mit ihm Fotoalben anzusehen und Ewa habe ich es verboten. Es wäre besser, die Alben in den Keller zu tragen, anstatt der Schwimmflügel. Soll einer die Welt verstehen. Für alle, die das nicht begreifen, empfehle ich den eigenen Kopf aufs Fensterbrett, neben unser Obstsortiment, zu legen. Das Einzige, was ich damals richtig gemacht habe, bei der Aktion mit den Fotoalben, war, dass ich ihm gesagt habe, dass auch ich mir keine Namen merken kann, nur um mit ihm in einem Boot zu sitzen. Doch Hubert war ohnehin der Schlauere gewesen. Er hatte mit seiner Armbanduhr gespielt, die schon damals locker an seinem Handgelenk gehangen war und auf das Ziffernblatt getippt, als müsste er zu einem Termin. Jahreshauptversammlung, wahrscheinlich.  

Heute weiß ich, dass Hubert und ich tatsächlich in einem Boot sitzen. Würde er seinen Zustand erfassen, ich denke, er würde nicht leben wollen. Genau so wenig wie ich, weiß er, worauf er zusteuert. Vorhin wollte er eine Karotte toasten und letztes Mal, als ich ihm sagte, er solle seine Suppe essen, hatte er gemeint, er habe das am Vortag schon erledigt.  

„Wie alt bist du?“, frage ich ihn.

„Fünfzig.“

„Und wie alt bin ich?“, frage ich weiter.

„Fünfzig?“, er schaut mich prüfend an. 

„Danke für die Blumen.“ 

Er greift nach dem Kugelschreiber, der hinter seinem Ohr klemmt. 

„Im Prinzip ist alles Schimmel“, sagt er.

*****

Heute früh wurden Ewa zwei Weisheitszähne herausoperiert. Klingt so, wie es aussieht. Ewas Gesicht ist ein Vollmond, mehrfarbig. Deswegen soll ich hier übernachten. Das habe ich so oft gemacht, wie Hubert Hausarbeit, nämlich nie. 

„Ich kann die Würfelmatratze vorbeibringen“, meint der Nachtfalter am Telefon. 

„Lass nur, wenn Hubert im Lehnstuhl schlafen kann, kann ich das auch.“

„Fünfzig Euro?“, fragt sie. 

Ich ziehe eine stumme Grimasse. 

„Zu wenig?“, hakt sie nach. 

„Nein, nein, fünfzig ist okay“, antworte ich, so emotionslos wie möglich und schwinge meine geballte Faust in die Luft. 

Fünfzig Euro für eine Nacht im Lehnstuhl. Laut Ewa gibt es nachts nichts zu tun. 

„Schläft wie Stein, nie munter vor sieben“, behauptet Ewa. 

Das muss ich sofort Kevin schreiben: Habe Nachtdienst, beaufsichtige einen Stein und seine polnische Pflegerin für fünfzig Euro. GEIL. Linda. 

Zehn Sekunden später Kevins Kommentar: Nachts hat es der Planet leichter, weil sein Feind schläft. Lass uns die fünfzig Euro teilen.

Witzbold, wie viele Weisheitszähne hat man?, schreibe ich. 

*****

Am meisten mag ich Hubert, wenn er diesen                Ich-kenne-mich-nicht-aus-Blick hat. Ich sehe ihm an, dass er nichts versteht. Gar nichts. Dann liebe ich ihn richtig. Ich lege meinen Kopf auf die Armlehne des Lehnstuhls, in dem er sitzt, schmiege meine Wange an den groben Stoff und rieche diesen modrigen Geruch, den es bei mir Zuhause nicht gibt. Ich grabe meine linke Hand in den Spalt zwischen Lehne und Sitzfläche und mit meiner rechten Hand halte ich mich an seiner Strickjacke fest. Ich erzähle ihm brühwarm, dass ich nicht mehr leben will. Ihn brauche ich nicht zu schonen, für ihn sind alle Worte gleich. Unwissenheit ist eine praktische Sache.

 „Unwissend sind die Meisten“, behauptet Kevin. Von Nichts zu wissen ist eine entspannte Möglichkeit durchs Leben zu kommen. 

„Dummheit tut nicht weh“, sagt Kevin und deutet auf mein Klassenfoto. Ich bin froh, dass er mich nicht in den Kreis der Dummen reiht und zack, Stempel drauf. Das mit den Stempeln geht ganz schnell, sieht man oft. 

Vegetarier, Stempel drauf. 

Flüchtling, Stempel drauf. 

Arbeitslos, Stempel drauf. 

„Bist du nicht zu streng mit der Menschheit, Kevin?“ frage ich. 

„Bestimmt nicht, eher könnte man noch eins drauflegen.“

Wenn Kevin über die Menschheit herzieht, fühle ich mich in meinem Plan bestärkt. Ich muss nicht zwingend dabei sein, wenn hier alles den Bach runter geht. Konsequent wäre es, mich vor dem achtzehnten Geburtstag zu verabschieden. Und ich möchte die Welt ordentlich verlassen. An dem Tag, an dem die Menschen auf mich starren, werden meine Haare ordentlich, meine Hausaufgaben gemacht und mein Zimmer aufgeräumt sein. Ich stelle mir die Szene schön vor und es macht richtig Sinn für die Passanten. 

„So ein junges Ding“, wird einer sagen, „hat ihr Leben noch gar nicht gelebt.“ Wumms. Und dann wird Einer heimgehen und sein Kind umarmen. Ein Anderer wird seinen Scheißjob kündigen. Ein Dritter wird nie mehr seine Frau schlagen. Die Welt wird besser werden. 

*****

Kaum, dass ich einen Fuß in die Wohnung gesetzt habe, schlüpft Ewa durch den Türspalt, auf dem Rücken ihren gehäkelten Seesack. 

„Schön dich zu sehen, Ewa“, rufe ich ihr nach. 

Ihre Schritte hallen im Treppenhaus. Manchmal wäre es einfacher, sie würde mir sagen, was vorgefallen ist, wobei, mittlerweile bin ich Profi. Ich dränge meinen Regenschirm zwischen die anderen. Hubert kniet vor dem Schuhkasten. 

„Kann ich helfen?“ 

Er dreht sich zu mir, blickt mich vorwurfsvoll an, wendet sich ab und gräbt weiter. Ich setze mich eineinhalb Meter entfernt auf den Fleckerlteppich vor der Garderobe und senke den Kopf. Rosa, weinrot, orange. Ich streiche über den Teppich, zupfe an den Fransen und denke, so ein scheußliches Ding würde gut vor mein Bett passen. Ich mag scheußliche Dinge, besonders scheußliche Teppiche. Auch Huberts Kopf hat einen rötlichen Ton. Nicht gut für den Blutdruck, denke ich, aber Hubert bestimmt selbst, wann er seinen Blutdruck in die Höhe jagt. Wenn er sich aufregen will, soll er, sagt sogar seine Tochter. 

„Ist mir lieber, als er liegt speichelnd im Lehnstuhl“, sagt sie. 

Ist auch mir lieber. Ich halte es schwer aus, wenn Hubert k.o. gibt. Lieber ist mir, er hält uns alle auf Trab. 

Ich wette, er muss zur Arbeit und sucht seine Arbeitsschuhe. Ist ja nahe liegend, immerhin hat er sein Leben lang gearbeitet. Warum sollte er damit aufhören. Es ist 14 Uhr und seine Schicht beginnt um 14 Uhr 30. 

„Kruzefix“, schimpft er, „ich komme zu spät.“ 

Ich krabble auf allen Vieren zu ihm, stecke meinen Kopf in den Schuhkasten und raunze mit ihm. Er legt die Stirn in Falten und sieht wie ein erschöpfter Hundertjähriger aus. 

„Lass gut sein, Hubert“, sage ich und lege meinen erlösenden Satz zurecht, der das Drama in sieben von acht Fällen mit einem Schlag beendet. 

„Hubert?“ 

Er knurrt. Ich versuche seinen Blick einzufangen. 

Etwas lauter: „Hubert?“ 

Jetzt hab ich ihn: „Heute ist Mittwoch, Hubert.“ 

Er reißt die Augen auf und zieht die Augenbrauen hoch: „Mittwoch? Heute?“

Ich schaue ihm direkt in die Augen und rubble mit beiden Handflächen seine Oberarme auf und ab. 

„Du hast frei, Hubert. Komm!“ 

Ich helfe ihm hoch: „Möchtest du ein Streichwurstbrot?“ 

Er nickt. Ausgetrickst, mein Süßer, denke ich, nehme seine Hand in meine und sage mir, dass das die wahren, großen Siege über das Leben sind.  

Drei Streichwurstbrote später steht ihm der Schweiß auf der Stirn: „Ich muss heim.“

Ewa, die gerade die Küche betritt, erklärt ihm: „Hier daheim.“ 

Ich rolle mit den Augen. Was soll das jetzt bringen? Hubert zeigt Ewa den Vogel und räuspert sich. Das macht er, wenn er unter Druck gerät. 

„Hier soll ich wohnen, bestimmt nicht.“ 

Ich lehne am Fenster, verdränge die Tatsache, dass die beiden den Großteil des Tages allein verbringen und warte ab. Ich bin nicht der Chef. Ich bin nur die Zierde, wie Efeu an der Hauswand. Die Hauswand sollte Ewa sein, stabil, krisenfest. All das ist sie nicht. Der einzige Grund, warum Ewa eine Hauswand sein könnte, ist ihre Sturheit. 

„In Krakau stur geboren“, sagt der Nachtfalter. 

Hubert geht, öffnet die Tür zu seinem Schlafzimmer, schließt sie, öffnet die Türe zur Toilette, schließt sie, öffnet den Wohnzimmerschrank, schließt ihn. 

„Regen“, sagt Ewa und verschwindet in Klein-Polen. 

„Wetterfest ist Ewa nicht“, sage ich zu Hubert, der noch immer den Ausgang sucht. „Spielen wir Memory?“ 

Hubert schaut mich an, als hätte ich überhaupt nichts verstanden. Ich nehme das Memory aus dem Schrank, klopfe mit den Fingerknöcheln auf die Schachtel, setze mich auf die Couch und beginne die Kärtchen aufzulegen. Ich halte meinen Blick gesenkt. In drei von vier Fällen setzt er sich zu mir. Heute nicht. 

„Hunger, Hubert?“ 

Hubert sieht mich fragend an. 

„Weißt du wo Rosalie ist?“, frage ich. 

Hubert schaut auf die Armbanduhr. 

„Ist sie einkaufen oder spazieren?“ 

Falsch, denke ich, zu komplex, von vorne. 

„Ist Rosalie einkaufen?“ 

Hubert nickt. 

„Bei diesem Wetter?“, frage ich. 

Hubert geht ans Fenster. 

„Sauwetter“, grummelt er. 

Ich gehe zu ihm und nicke aufgebracht: „Ja, wirklich, Sauwetter.“ 

Er seufzt. 

„Schnaps?“, frage ich. 

Er nickt. Ich gehe in die Küche. Laut Arztverordnung darf Hubert in vierundzwanzig Stunden zweimal zehn Tropfen Psychopax bekommen. Ich zähle die Tropfen in ein Schnapsglas: sieben, acht, neun, neun, zehn, zehn und fülle mit Wasser auf. Als ich ins Wohnzimmer komme, sitzt Hubert schlafend im Lehnstuhl.

*****

Seit Tagen suchen wir nach Huberts Zähnen. Die Stimmung ist schlecht. Für Ewa ist die Situation am Schlimmsten. Sie fühlt sich schuldig. Ich finde, niemand hat wirklich Schuld. In den vergangenen zwei Jahren haben wir bestimmt vier oder fünfmal Zähne gesucht. Das Telefon klingelt. Das Thema liegt in der Luft.

„Hast du die Zähne?“ 

„Nein“, antworte ich. 

„Nein?“

„Hab ich doch gesagt.“ 

Als ginge davon die Welt unter. Ich entwerfe Szenen, die es rechtfertigen, dieses Telefonat abzubrechen.  

„Und was macht er ohne Zähne?“ 

„Und was macht er ohne Zähne?“, äffe ich sie tonlos nach. 

Ich antworte nicht. Manche Fragen sind zu dumm. Mit ihr zu streiten bringt nichts. Davon kommen seine Zähne nicht zurück. Hubert, der neben mir steht, beißt sich auf die Unterlippe. Geht doch, denke ich. Zumindest braucht man keine Oberkieferprothese, um sich auf die Unterlippe zu beißen. Ich betrachte unser Spiegelbild. Zwei, die auf den ganzen Mist keinen Bock haben. Ich ziehe meinen Mund in die Breite und kratze mit dem Fingernagel etwas Fasriges aus meinem Zahnzwischenraum. Hubert schaut mich verwundert an. 

„Nicht dein Problem“, beruhige ich ihn. 

„Linda, bist du noch dran?“

„Logisch, wir finden sie“, versichere ich ihr. 

„Und wie soll er kauen?“ 

„Ich muss aufhören. Tut mir leid.“

Huberts Tochter gehört zu den Menschen, die anderen das Gefühl geben, nie etwas falsch zu machen. Heilige. Jedes Mal fragt sie, wie so etwas passieren kann und jedes Mal erkläre ich, dass so etwas leicht passieren kann. Huberts Zähne waren schon überall. Das ist dasselbe, wie mit seinen Socken. So, wie er seine Socken auszieht und weglegt, so nimmt er seine Zähne raus und legt sie weg. Und woher soll er wissen, wo weg gerade eben noch war. Das ist doch das Prinzip von Sachen verlegen. Das Entscheidende ist, dass man sie wieder findet und Huberts Zähne sind bisher immer wieder aufgetaucht, also frage ich mich, wo um Himmels Willen ist das Drama? Es ist sogar genial, wenn wir etwas verlegen. Das Suchen hat nämlich Vorteile. Der Hammervorteil ist, dass wir beschäftigt sind. Die Zeit vergeht, wie im Flug und man findet Dinge, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hat. Als ich mit Hubert das erste Mal seine Zähne gesucht hatte, haben wir etwas gefunden, wovon man erst nach meinem Tod erfahren wird.

 „Schwör mir, dass du niemandem davon erzählst“, hatte ich zu ihm gesagt.

Er hatte mir zugezwinkert und wir hatten die Sache mit Handschlag besiegelt.

„Weißt du noch, unsere Abmachung?“, hatte ich beim Nachhausegehen gefragt. 

Hubert hatte die Mundwinkel nach unten und die Schultern nach oben gezogen. Er hatte mir neuerlich zugezwinkert und nochmals die Hand gereicht und ich wusste, geheimer konnte es nicht sein. Er hatte es vergessen.   

Im Gegensatz zu seiner Tochter sind Hubert und ich tiefenentspannt, wenn etwas fehlt. Ausnahmen sind Sparbücher, Autoschlüssel und Reisepass. 

„Wo willst du hin?“, frage ich, wenn er den Autoschlüssel von seinem Opel sucht, den seit sechs Jahren sein Enkel fährt.

„In die Fritzstraße.“

„Wo ist die Fritzstraße?“, will ich wissen.

„Du weißt nicht, wo die Fritzstraße ist?“, fragt er.

„Nein, sag schon, wo ist sie?“

„Na, da wo sie immer ist.“

„Und wo bist du jetzt?“

„Was weiß ich, wo ich bin“, er schaut sich um, „nicht in der Fritzstraße.“ 

Aus der Fritzstraße waren Rosalie und Hubert weggezogen, als Nenas Luftballons auf dem Weg zum Horizont waren und alle Kinder Zauberwürfel in den Händen drehten. Mehr als sein halbes Leben hat Hubert in der Fritzstraße zugebracht.  

„Aber es wird dunkel, Hubert.“

„Glaubst du, ich find nicht heim.“

„Ich glaube gar nichts, Hubert, wirklich, gar nichts“, sage ich und halte beide Hände in die Höhe. 

Ich kenne dieses Gefühl, wenn man in einer Wohnung festgehalten wird, in der man nicht bleiben will, mit Menschen, die einem fremd sind und man nicht versteht, was die anderen von einem wollen. 

„Dann geh ich jetzt“, sagt Hubert.  

*****

Ewa ist abgereist. Ihr 6-Wochen-Turnus ist zu Ende. Wahrscheinlich macht sie gerade kein Sex mit Marek. Die neue Pflegerin heißt Heidi Klum, zumindest sieht sie so aus. Ewa hat mir so ein scheußliches Ding geschenkt, das seit vorgestern vor meinem Bett liegt. Hinter meinen geschlossenen Augen versuche ich mir die Farben des Teppichs vorzustellen. Ich höre meinen Atem, Kindergeschrei von irgendwoher, weiter weg die Sirene eines Einsatzfahrzeuges. Ich halte die Augen geschlossen, verdränge den Gedanken an Mathe, mein Magen knurrt. Ich denke an Kartoffelpüree und höre das Einsatzfahrzeug näher kommen. Ich setze mich auf, fühle das Nachgeben der Matratze unter meinen Handflächen und das scheußliche Ding unter meinen Füßen. Die Sirene verstummt. In meinem Kopf drehen sich Bilder, Erinnerungen, Träume. Schwimmflügel fliegen durch mein Zimmer. Ich taste nach meinem Puls. Irgendwie Tachykardie.